Der erste Eindruck von Petersburg ist die Häßlichkeit seiner Menschen. Die finnische Urbevölkerung scheint in grauen und unscheinbaren Verkümmerungen fortzuleben. Die Verbindung zu einer neuen Stadtrasse mißlang und in zweihundertjähriger Großstadtinzucht wurde ein Bastardgeschlecht erzeugt, das in der Luft feuchter Stuben in naturlosem Nebelleben vollends verdarb. Dieser Eindruck wird noch gesteigert durch den Gegensatz, daß so viel fade und verdächtige Hübschheit sich hineinmischt, Schönheit, die aus polnischer, grusinischer und wer weiß welcher orientalischen Rasse stammt und hier auf ihren verweichlichten Rest zurückgeführt wurde: Schönheit ganz kleiner spitzer glatter Züge, die doppelt widerlich am Manne ist und über die auch der selbstgefällige Bart eines Würdenträgers nicht hinwegzutäuschen vermag. Wohl sieht man auch Erscheinungen: sieht Rasse zwischen Entrassung. Im Wagen oder Schlitten fährt eine glücklichere Gesellschaft vorüber, die in russischer Ungebundenheit gepflegteste Westlichkeit nachahmt. Doch die Menge ist ohne Bodenständigkeit, haltlos in sich, und auf den Straßen sieht man allenthalben diese leidenden Menschen mit dem Ausdruck von Krankheit, Verlebtheit, Verbrechen: Menschen, denen man alle Laster zutraut, worunter Spitzeltum und Bestechlichkeit, als die amoralischen Grundlagen der russischen Gesellschaft wie des russischen Staates im Volke, noch die gewöhnlichsten und von beinahe bürgerlicher Selbstverständlichkeit sind. Nirgendwo sonst gibt es diese mageren rachitischen Gestalten, diese fahlen hektischen Gesichter, verkümmert durch Not oder durch Ausschweifung, diese zweideutigen Mienen von Winkel- oder Kellermenschen, diesen Zug eines schlechten und doch gleichgültigen Gewissens auf einem gestempelten Gesicht. Abgearbeitetes und schlechtentlohntes Beamtentum mischt sich mit einer mißverstandenen und übertriebenen Halbwelteleganz. Verkommene sind da, von denen man nicht weiß, ob es Schwärmer sind, Ideologen in Entsagung, oder Zuchthäusler in Scheuheit und Frechheit zugleich. Es ist ein Fluch über dieser Stadt: Erbe einer großen Bestimmung auf unsicherem Grunde zu sein, in Entwurzelung und Ziellosigkeit, Erbe des petrinischen Irrtums und Verhängnisses, daß es in Rußland nie eine petrinische Nachfolge in Ebenbürtigkeit geben sollte. Doch immer wieder warf das Land seine Menschen in diese Stadt, Bauern, die hier zu Industriearbeitern wurden, Popensöhne, die als Nihilisten anfingen, um als Kanzlisten zu enden. Man glaubt sie noch herauszukennen, diese Generation der zuletzt Angekommenen. Und an einem Soldaten, an einem Dwornik, oder an diesen herrlichen Kutschern mit den prallen Pelzröcken, diesen steifen ausgestopften breitbärtigen Riesenpuppen, die mit der Würde von Königen die Gesellschaft über den Newskij fahren, erkennt man plötzlich, was Rasse auch hier ist, großrussische Rasse, tatarische Rasse, volklich, eigentümlich, ursprünglich, dort hinten, um Moskau, weit in Rußland. In dieser belasteten und verdorbenen, dieser unfertigen und doch schon frühalten Stadtbevölkerung, die Peter aufeinander angewiesen hatte und die seitdem von dem Staate in einer fahrlässigen und doch wieder großzügigen Ordnung zusammengehalten wurde, während sie selbst vorwiegend durch Betrug mit sich und dem Staate auskam – in ihr entdeckte Dostojewski den Menschen. Puschkin und Lermontoff hatten den romantischen Helden entdeckt, den byronischen Jüngling mit skeptischen und ironischen, aber auch mit heroischen und enthusiastischen Zügen, der freilich der Gesellschaft, nicht dem Volke angehörte, und hatten ihn mit Gestalten der Nation, der Sphären der Armee und Beamtenschaft, der Kleinbürger und Bauern nur umgeben. Dostojewski dagegen entdeckte den seelischen Menschen, die Tragödie der Unscheinbarkeit, die im Unbemerkten, in einem Mensch-für-sich-sein dahinlebte, und entdeckte, daß er voll von rührenden oder erschütternden inneren Werten war. Er tat es moralisch, mit einer leisen Beinote des Sozialen, in seinen Jugendwerken, von den „Armen Leuten“ bis zu den „Erniedrigten und Beleidigten“, und schließlich religiös, nachdem ihn seine sibirische Zeit mit den Ausgestoßenen dieser Gesellschaft und dieses Staates zusammengebracht und er selbst im Dulden die Erlösung von allen russischen und petersburgischen Leiden erlebt hatte, in den Heilandgestalten seiner großen Romane. Er tat es wohl auch humoristisch, indem er zu der Allmenschlichkeit, mit der er diesen Leiden in Güte...
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Nancy Jones
2 months agoSolid story.