weißhaarige Dienerin mit einem nachsichtigen mütterlichen Lächeln. »Wenn man an Jugend, Schönheit und Glanz der Toilette alle anderen Damen überstrahlt, so wäre es eine wahre Kunst, nicht auch an Liebenswürdigkeit die Königin des Abends zu sein.« Da keine Antwort erfolgte, fragte sie nach einer kleinen Pause: »Befehlen gnädige Frau sonst etwas?« und verließ, als die Frage verneint wurde, fast unhörbar das Gemach. Allein geblieben und sich langweilend, verfiel die schöne junge Dame darauf, das Feuerwerk der glitzernden Diamanten zu beobachten, das der gegenüber befindliche Spiegel zurückwarf. Sie wiegte sich leise in den Hüften, die Facetten der Steine in allen Farben spielen zu lassen, hob die Hände hoch, scheinbar an der Coiffüre noch etwas zu ordnen, und ergötzte sich daran, wie die bunten Blitze, die an ihren schmalen Fingern und Handgelenken aufleuchteten, mit dem Flimmern des Brillantenkolliers wetteiferten, das ihren Hals schmückte und einen Sprühregen feuriger Funken auf die volle weiße Brust niedertropfen ließ. Aber schließlich wurde sie dieser nichtigen Beschäftigung überdrüssig und lehnte sich mit einem leisen Gähnen in die Sofaecke zurück. Ein Seufzer stahl sich über ihre Lippen ... Plötzlich fiel ihr Blick auf die Puppe, die in der anderen Sofaecke saß und sie unverwandt anglotzte. In welch wunderlicher Gesellschaft befand sie sich da! Was war das für ein gespenstisches Ding, dies snobistische Spielzeug für die müßigen Launen Erwachsener, mit dem ihr Mann sie beglückt hatte? Aus einem der feinsten Luxusgeschäfte in der Kärntnerstraße hatte er es heute morgen als Überraschung zum Verlobungstag an sie schicken lassen, er liebte es, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Zum erstenmal kam sie jetzt dazu, die Puppe etwas genauer ins Auge zu fassen. Sie konnte nicht umhin, den erlesenen Geschmack zu bewundern, mit dem sie gearbeitet war, die geistreiche Kunstfertigkeit, die dem kleinen Popanz etwas wie menschliche Eigenart, eine geheimnisvolle Absonderlichkeit einzuhauchen gewußt hatte. Es war eine Japanerin in silberdurchwirktem Seidenkimono, Saffianpantöffelchen an den Füßen, das pechschwarze Haar zu einem kunstvollen Bau getürmt und von silbernen Gestecken zusammengehalten. Dem Gesicht, das ursprünglich vielleicht nichts weiter als ein Polster aus gelblichem Filz gewesen war, hatte künstlerische Pinsel- und Nadelmalerei so eigenartig individuelle Züge verliehen, daß man die kleine Dame, wenn man sie nur einmal gesehen, schon persönlich zu kennen glaubte. Denn sie war ein Wesen für sich, kein gleichgültiger Abklatsch, etwas wie ein lebendiger Mensch und wie ein solcher nur ein einziges Mal auf der Welt vorhanden, mit keinem anderen zu verwechseln. Ganz besonders die Augen, aus denen ein Paar glänzend schwarzer Perlen ernst und fast zürnend herausstachen, schienen wie von einem Ausdruck menschlicher Leidenschaftlichkeit beseelt. Die schöne junge Frau, die diese Augen unverwandt und beharrlich auf sich gerichtet sah, fing an, sich einigermaßen zu beunruhigen. Es war, als kröche ihr irgend etwas Unheimliches den Nacken herauf. »Was siehst du mich so sonderbar an?« fragte sie plötzlich. Sie sagte es ganz laut und fuhr unwillkürlich zusammen, über den Ton ihrer eigenen Stimme erschreckend. Aber sogleich kehrte ihre Besonnenheit zurück, und indem sie sich nach der anderen Sofaecke hinüberneigte, in der die Puppe stumm und unbeweglich saß, mit Augen, in denen etwas wie ein feuchter Schimmer zu glänzen schien, sagte sie begütigend und beinahe zärtlich, wie man zu einem greinenden Kinde spricht: »Du füllst deinen Platz schlecht aus! Bist du nicht auf der Welt, um Vergnügen zu bereiten? Warum blickst du so trübselig drein? So lächle doch nur ein ganz klein wenig! Unterhalte mich! Vertreib' mir die Zeit!« Sie hatte sich so weit vorgebeugt, daß sie die Puppe ganz aus der Nähe sehen konnte. Jetzt schrak sie jäh empor und zog sich starr vor Entsetzen in ihre Sofaecke zurück, die Puppe hatte einen tiefen, herzbewegenden...
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Ashley Scott
1 year agoI stumbled upon this title and the clarity of the writing makes this accessible. Don't hesitate to start reading.